Noch einige Tage konnten wir Pitti und Platsch beobachten. Ihre Zeiten außerhalb des Nests wurden länger, ihre Erkundungen weiter. Einmal waren es sogar sechs Störche in den Wiesen. Sobald sie nicht mehr im Sichtradius sind, ist es durchaus möglich, dass sie sich weiter hinten einer größeren Gruppe angeschlossen haben. In Richtung Aising gibt es jedes Jahr Reisegruppen, aber auch in Willing und Aibling Richtung Bruckmühl bilden sich Sammelbecken für Jungstörche, denen die Thermik unter den Flügeln juckt.

Wir haben spekuliert, wir haben mitgefiebert. Manche würden die beiden am liebsten auch im Winter hier sehen. Ich finde – und fände – das nicht gut. Es entspricht nicht ihrem natürlichen Instinkt und Zugverhalten. Der Storch ist ein Zugvogel. Dass manche bleiben, ist, wie so oft, ein menschengemachtes Problem – ein Spiegel dafür, wie wir mit unserer Welt umgehen.

Eine große Drogeriekette hatte, oder hat vielleicht noch, diesen treffenden Spruch: „There is no Planet B“. Ich erinnere mich, wie mir damals die Tränen in die Augen stiegen. Denn ja – wir haben keine zweite Erde. Schuhe, Kleidung – geht etwas kaputt, kaufen wir neu. Aber was ist, wenn unsere Erde kaputt ist? Wir sind auf dem besten Weg dorthin. Vielleicht nicht heute, auch nicht in 100 oder 200 Jahren. Aber später?
Zurück aber zu den beiden jungen Wilden: Kaira und Alex wurden einige Tage nicht auf dem Nest gesehen. Ich bin mir jedoch sicher, dass sie noch unterwegs sind. Altstörche ziehen eigentlich nach den Jungen. Die Großen sind nun nicht mehr abhängig, sie schaffen alles allein und lernen, indem sie beobachten. Sorgen müssen wir uns also nicht mehr.

Und doch: Sahen wir sie heute, am 29.08.2025, gegen Mittag zum letzten Gruß? Viele Blicke der beiden in den Himmel – und dann, nacheinander, in kurzem Abstand, flogen sie ab.
Heute Nacht ist das Nest leer. Komisch. So fing alles im November an – ein leeres Nest. Bis zum März. Dann wieder leer. Und plötzlich ging alles Schlag auf Schlag.
Sollte dies der Abschied gewesen sein, wünsche ich den beiden eine gute Reise. Möget ihr gesund und voller Kraft unser Kolbermoor nach Afrika tragen. Und wer weiß – man sagt ja: „Man sieht sich immer zweimal im Leben.“ Es wäre so schön, wieder von euch zu hören.

Ich bin nicht der Mensch, der jeden Sonntag in die Kirche geht. Aber hier, angesichts des geschaffenen Lebens, bin ich unendlich dankbar – und ich wünsche euch stets Gottes Segen auf euren Wegen, wohin sie euch auch führen. Danke, dass ihr in diesem Nest geboren seid, dass ihr so vielen Widrigkeiten standgehalten habt. Und wenn ihr nach oben blickt – grüßt leise Mia & Hunter. Sie fliegen nur ein bisschen höher als ihr.

P.S.: Es kann natürlich auch sein, dass sie wegen des Regens heute einfach nur auswärts nächtigen – und morgen ganz normal wieder vorbeischauen. 😛

