Teil 2
Pitti & Platsch mussten schon früh lernen, sich zu behaupten. Unser Alexander war ganz sicher noch sehr unerfahren. Wir hatten extrem heiße Tage, an denen er idealen Schatten spendete – aber auch viele, an denen er einfach über Stunden hinweg abwesend war.

Kaira konnte irgendwann nicht anders, als Nutzen und Risiko abzuwägen – und ließ die Kleinen bereits mit drei Wochen alleine im Nest zurück. Sie musste Wasser holen, Futter bringen. Rückblickend kann man fast sagen, es war mehr Glück als Verstand, dass nicht ein Milan – und davon gibt es hier über den Feldern wirklich viele – sich eine schnelle Mahlzeit holte.
Einmal hatten wir sogar einen fremden Storch auf Stippvisite. Doch der kleine Platsch zeigte ihm gleich, wer hier das Sagen hat. Ich erinnere mich noch gut an den kleinen Frechdachs – einmal schnappte er sogar nach Papa!
Nein, einfach hatten sie es wirklich nicht. Und trotzdem haben sie es allen gezeigt. Sie wuchsen, sie gedeihten.
Jede Nacht schenkten sie uns wunderschöne Kuschelbilder – und selbst am Tag waren sie ein Herz und eine Seele. Mit Spannung konnte man täglich beobachten, wie sie sich zankten, um Gewölle, oder wie sie beim Futter einen regelrechten Tanz des Gierigen aufführten. Ich sage nur: Ratte.

Und irgendwann, als sich die Routine schon fast eingeschlichen hatte, war es soweit: Die ernsthaften Flugübungen begannen. Alexander hatten wir da schon fast zwei Wochen nicht mehr gesehen – wir gingen wirklich davon aus, dass er unterwegs war. Doch kaum tauchten mehrfach Fremdstörche auf, war er wie durch Zauberhand wieder da.
Der Jungfernflug – mit Spannung erwartet. Ich hatte ein grobes Zeitfenster im Kopf, wann es theoretisch so weit sein könnte. Und tatsächlich behielt ich recht: Durch die lange Regenperiode und die fehlenden Übungsflüge verschob er sich um gut eine Woche nach hinten.
Und dann war es soweit. Beide hoben ab.

Einer der schönsten, bewegendsten Momente für mich. Vielleicht sogar der emotionalste seit dem Start dieses Projekts. Klar, es ist schon etwas Besonderes, überhaupt ein Paar zu haben, Eier zu sehen, das Schlüpfen mitzuerleben und gemeinsam durch die schwierigste Zeit zu gehen, bis die Kleinen „alt“ genug sind.
Aber einen Jungfernflug zu erleben – im ersten Jahr, mit einem Projekt, das gemeinsam mit Kindern entstanden ist – das ist (abgesehen von meinen eigenen Kindern) für mich das allergrößte Glücksgefühl überhaupt.
Und dieses Glück nicht alleine zu feiern, sondern mit der Grundstücksbesitzerin, die durch das Bereitstellen des Platzes einen so wichtigen Beitrag leistet, mit dem Chat, mit vielen Menschen, die man auch persönlich trifft und die fragen: „Sind Sie Frau Kock vom Storchennest?“ – das ist schon sehr ergreifend.
Da merkt man erst, wie schön es ist, etwas zu erschaffen, das Menschen begeistert, die vorher gar keine Berührungspunkte damit hatten. Plötzlich fiebern sogar Kolbermoorerinnen und Kolbermoorer mit, sitzen vor dem Stream, feiern die Höhepunkte mit – und durchleben mit uns die traurigen Momente.
Traurig ist es auch jetzt: Das Nest ist leer. Nur die Spuren darin zeugen noch davon, dass hier Leben entstand. Während Pitti & Platsch hoffentlich schon sicher in Afrika angekommen sind, sagten Kaira & Alex in der zweiten Augustwoche ebenfalls Lebewohl – und verließen gemeinsam zum letzten Mal in diesem Jahr das Nest.

Trotz aller Stolpersteine hoffe ich fest auf ein Wiedersehen im März oder April 2026. Mit mehr Erfahrung. Mit neuer Stärke. Aber auch jede andere Konstellation wird mich – wird uns – freuen.
Bis dahin ziehe ich mich etwas zurück. Die Saison ist vorüber. Natürlich schaue ich immer wieder in den Chat und freue mich, dass er weiterlebt. Im Frühjahr wird auch der Ton wieder aktiviert.
Und bis dahin beobachten wir, wie die Blätter an den Bäumen weniger werden – und genießen die schöne Bergwand.
Bis es wieder heißt:
Was klappert denn da?
Eure Cindy ♥
PS: Für die Adventszeit möchte ich versuchen, einen Adventskalender für euch umzusetzen. Wie genau – das seht ihr, wenn es geklappt hat 😀












